Nein heißt Nein.

Du fragst jemanden etwas und seine Antwort ist „Nein.“ Was bedeutet das für dich? Wie reagierst du? Was fühlst du? Was denkst du? Beobachte das – beobachte dich mal.

Was oft passiert: jemand antwortet Nein und

Was fühlst du wenn du das liest? Was für Situationen hast du im Kopf? Welche Reaktionen erlebst du auf dein Nein? Wie fühlt sich wohl ein Mensch der Nein sagt und eine der obigen Reaktionen auf sein Nein erlebt? Fühlt er sich mit seiner Äußerung ernst genommen?

Im Grunde ist es übrigens völlig egal um was es geht, was die Intention hinter der Frage ist (gut gemeint) oder wie die Beziehung zwischen den beiden Menschen ist. Es ist egal ob ihr verheiratet seid, Nachbarn oder völlig Fremde. Es ist egal ob es deine Eltern, deine Kinder, Kollegen oder deine Freunde sind – die Nein auf deine Frage sagen oder auf deren Frage du Nein sagst. Nein heißt Nein.

Willst du Kuchen/Salat/was Süßes/Bier?

Hast du Lust spazieren/ins Kino/auf den Spielplatz zu gehen?

Hast du Zeit?

Kannst du mir einen Gefallen tun?

Willst du Sex?

Gefällt dir das Geschenk?

Telefonieren?

Meldest du dich?

...

An die die gefragt werden: höre in dich hinein. Lass dir Zeit, du musst nicht sofort antworten. Nicht automatisch. Prüfe: Hab ich ein Ja? Hab ich ein Nein? Prüfen, auswählen, aussprechen, fertig. Es braucht nicht mal eine Erklärung – „Ja.“ ist ein vollständiger Satz. „Nein.“ ist ein vollständiger Satz.

Du entscheidest dich jetzt für Ja? Wunderbar! Viel Freude!

Du entscheidest dich für Nein. Und jetzt? Welche Reaktionen sind meines Erlebens nach stimmig und würdevoll, wenn jemand auf deine Frage mit Nein geantwortet hat?

Wichtig zu wissen: Manche/Viele Menschen haben durch die vielfache Erfahrung obengenannter übergriffiger Reaktionen verlernt deutlich und klar „Nein“ zu sagen. Durch schmollende/wütende Eltern, Freunde, Kollegen, Nachbarn...haben sie es sich abgewöhnt. Sie lügen. Sie drucksen. Oder noch schlimmer: sie tun wonach sie gefragt wurden, obwohl sie es nicht wollen.

Alle Menschen – Babies, Kinder, Jugendliche, Erwachsene und ältere Menschen – kommunizieren auch ohne Worte. Sie zeigen deutlich (!) wenn sie etwas nicht wollen! Sie drehen den Kopf weg, sind angespannt, wehren sich, gehen weg. Auch diese Signale sind absolut ernst zu nehmen, immer!

Und warum schreibe ich diesen Text? Was führt dazu, dass Menschen nicht oder übergriffig auf das Nein anderer Menschen reagieren? Weshalb übergehen Menschen ihr eigenes, inneres Nein? Stark verkürzt: Weil sie es so gelernt und beibehalten haben.

Nein, nicht unbedingt weil es in ihrem Leben zu wenig Neins gab und sie deswegen den Umgang damit nicht lernen konnten. So wurde lange Zeit in vielen pädagogischen Zusammenhängen gedacht und der Schrei nach Grenzen gegenüber Kindern war lange Zeit dementsprechend groß. Heute weiß man mehr. Ja, ein Kind lernt mit den „Neins“ seiner Mitmenschen umzugehen, indem diese Nein sagen. Im besten Fall folgen die Erwachsenen ihrem inneren Kompass, prüfen und wägen ab, ob sie in der jeweiligen Situation Ja oder Nein sagen wollen und drücken sich dann klar und freundlich aus. So lernen Kinder die Grenzen anderer Menschen kennen. Dass es wichtig und schön ist diese Grenzen zu achten, lernt ein Kind nicht nur indem auf die Einhaltung der Grenzen bestanden wird, sondern in dem seine Grenzen geachtet werden. D.h. mindestens genauso wichtig ist die Perspektive des Kindes: wird sein Nein gehört und respektiert, lernt es es daraus dass es ernst zu nehmen und wichtig ist. Wird sein Nein (auch das non-verbale) hingegen häufig ignoriert und nicht ernst genommen, lernt es daraus, dass sein Nein und seine Grenzen im Grunde keine Rolle spielen. Wenn es dann noch spürt, dass die Welt wackelt, wenn es Nein sagt, weil die Erwachsenen um ihn herum nicht damit umgehen können, lernt es dass Neinsagen, keine gute Idee ist. Und so entstehen entlang vieler dementsprechender Erfahrungen verkorkste Gespräche und verstrikte Situationen in denen keiner mehr so richtig weiß was jetzt tatsächlich gesagt & gemeint wurde und was gilt.

Das ist glücklicherweise veränderbar – wir können die alten Strategien entlernen und neu lernen Ja zu sagen, wenn wir ja meinen und nein zu sagen wenn wir nein meinen. Genauso können wir neu lernen mit den Äußerungen unserer Mitmenschen umzugehen und deren Antworten anzunehmen. Wir wissen dann: Ein Nein ist keine Ablehnung, keine Bedrohung und kein Hinweis auf die Zuneigung zwischen euch. Du brauchst kein Ja auf deine Frage als Liebesbeweis. Ein Nein auf eine „Hilfst-du-mir“-Frage ist kein Hinweis darauf, dass dein Nachbar nie helfen will und ein egoistischer Schuft ist. Ein „Nein“ zu deiner Kuschel-einladung an dein Kind heißt nicht, dass es dich nicht lieb hat. ...

Dieses Nein ist ein einzelnes Nein im jetzigen Moment. Ein Ja zu sich.

Dein Nein ist ein einzelnes Nein im jetzigen Moment. Ein Ja zu dir.

Hanna